Schmiedet Konami mit dem Kojima-Rauswurf seinen eigenen Sargnagel?

Es scheint also zu stimmen. Die Gerüchte sind offenbar wahr, wenngleich noch nicht definitiv bestätigt. Die Designer-Legende Hideo Kojima wird Konami Ende des Jahres nach der Fertigstellung von Metal Gear Solid V: The Phantom Pain verlassen. Nach einem Tauziehen um Macht innerhalb des Unternehmens zieht Kojima anscheinend den Kürzeren und wird nicht gerade im freundschaftlichen Verhältnis gefeuert. Wie eine beleidigte Ehefrau hat das Konami-Management anschließend beschlossen, Kojimas Lebenswerk auszuradieren und sämtliches Kojima Branding von Promotion-Material zu entfernen: Kein Hinweis mehr auf Hideo Kojima oder sein Studio Kojima Productions auf Websites, bei Twitter, auf Poster oder sonstigem Material von Konami. Für Kojima selbst könnte es aber wohl besser nicht kommen…

Segen und Fluch zugleich

Kojimas phänomenaler Erfolg mit der Metal Gear-Serie ist für das Kreativ-Genie zugleich Segen wie Fluch. Seine Metal Gear-Blockbuster waren gefeierte Kassenschlagen und Kojima erhielt mit Kojima Productions sogar sein eigenes Studio, später mit Kojima Productions LA ein zweites Studio. Seine Ankündigung von Metal Gear Solid V unter dem Deckmantel eines skandinavischen Fake-Studios war ein grandioser PR-Stunt, ebenso wie der spielbare Teaser von Silent Hills zur letztjährigen gamescom. Kojima stieg außerdem in das obere Management von Konami auf und wurde zu Chief Content Officer ernannt. Hideo Kojima ist eine Koryphäe der Entertainment-Industrie. Selbst Hollywood-Größen lobten Kojima für sein cineastisches Talent.

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Dieser Erfolg ist trotzdem Kojimas größte Fußfessel. Konamis größte halbwegs noch aktive Marken sind Castlevania, Silent Hill, Zone of the Enders, Pro Evolution Soccer und natürlich Metal Gear. Die Metal Gear-Reihe zählt zu Konamis größten Gelddruckmaschinen und der Versuch von Kojima, die Entwicklung in andere Hände zu legen, ist schon mehrfach gescheitert. Kojima will etwas anderes machen als Metal Gear. Man kann verstehen, dass Konami die größte Einnahmequelle nicht stilllegen will, doch Metal Gear Rising hat gezeigt, dass wohl niemand ein Metal Gear zustande bringt, das einer Umsetzung von Kojima gleichkommt. Kojima hatte Metal Gear in die Hände eines jüngeren Teams gelegt, dieses hatte aber dermaßen viele Probleme mit der Entwicklung, dass daraus kein richtiges Metal Gear wurde, sondern ein Spin-Off der Serie. Selbst das konnte das Team bei Kojima Productions nicht mit dem Qualitätsstandard abliefern, den die Fans und Hideo Kojima selbst erwarten. Also wurde die renommierten Entwickler von Platinum Games mit der Fertigstellung beauftragt.

Das Streben nach neuen Aufgaben

Sind wir mal ehrlich: Kojima hätte bei Konami in seinem Leben nichts anderes mehr gemacht als ein Metal Gear nach dem anderen. Kreative Köpfe möchten sich ausleben und neue Dinge ausprobieren. Das ist der Grund, warum Bungie sich von Microsoft freigekauft hat. Das Studio hätte nur noch Halo entwickelt. Das ist auch der Grund, warum sich Kojima und Konami nun überworfen haben. Kojima war dabei, die schwächelnde Silent Hill-Marke mit Silent Hills wieder aufleben zu lassen. Möglicherweise wollte Konami jedoch andere Prioritäten setzen: „Mehr Metal Gear!“.

Hideo-Kojima

Eine solche Trennung wie zwischen Kojima und Konami kann auch positive Effekte haben. Wie beleidigt und in seiner Ehre gekränkt das Management von Konami reagiert, ist allerdings schon mehr als ein Schlag ins Gesicht für alle Mitarbeiter bei Kojima Productions, die für Konami jahrelang Top-Games abgeliefert haben. Das Branding von Kojima zu entfernen, Merkmale wie „A Hideo Kojima Game“ auszulöschen oder Studios umzubenennen, ist bei Abgang von Kojima das gute Recht von Konami. All dieses Material gehört dem Unternehmen. Aufgrund des angekratzten Stolzes aber alle Mitarbeiter auszugliedern und nur noch als Vertragspartner statt als fest angestellte Mitarbeiter zu beschäftigen, rund ein halbes Jahr vor Auslieferung den Zugriff auf Konamis Intranet oder interne E-Mails zu beschränken und diese Mitarbeiter Ende des Jahres vermutlich endgültig zu feuern, ist gelinde gesagt eine Frechheit.

Als großer Metal Gear-Fan würde ich Kojima Productions auch ohne Kojima und von mir aus unter anderem Studio-Namen durchaus ein gelungenes Metal Gear zutrauen. Management-Entscheidungen basierend auf gekränkter Eitelkeit und beleidigten Managern können in meinen Augen nur in einer Katastrophe enden. Nicht dass man sich von Kojima trennt, könnte leider kurz- oder mittelfristig zum Absturz von Konami führen, sondern welche Entscheidungen das Management offenbar in Situationen wie dieser trifft. DAS macht mir am meisten Sorgen.

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Konamis Sargnagel?

Nach dem Untergang von THQ, bedingt durch eine Reihe von Management-Fehlern, könnte Konami das nächste große Sorgenkind der Videospielbranche werden. Ich möchte betonen, dass alles noch Gerüchte sind, doch die Umstände scheinen wahr zu sein. Sollte das Ganze stimmen, schmiedet Konami sich mit dieser gesamten Aktion vermutlich seinen eigenen Sargnagel. Das Ergebnis werden wir in den kommenden zwei bis fünf Jahren sehen. Kojima wollte offensichtlich nicht unbedingt gehen, er hätte die Zukunft von Metal Gear nach und nach abgeben können, hätte man ihm die Möglichkeit gegeben. Nun gibt es einen radikalen Schritt und Konamis Bosse sind angepisst. Wer hier verliert, das sind einzig die Fans und Kojimas Mitarbeiter, die am wenigsten dafür können.

In unserer Rubrik „Opinion“ geben unsere Redakteure ihre subjektive Meinung wieder. Diese entspricht nicht unbedingt der Meinung der gesamten GamePire-Redaktion.

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