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Modernes Helden-Epos
Rufus ist erwachsen geworden und hat all seine schlechten Eigenschaften abgelegt. Voller Verantwortungsbewusstsein, Mut und Charisma stellt er sich seinem Schicksal. Seinem selbstlosen Geist entsprang die Idee, sich an ein überdimensionales Sägeblatt mit Raketenantrieb zu binden. Dem unerschöpflichen Genie zum Dank, gelang die Rettung von Goal und ganz Deponia innerhalb weniger Minuten… Okay, Okay! Die letzten Zeilen entsprechen nicht ganz den Tatsachen, denn Rufus ist nach wie vor das anthropomorphisierte Chaos. Er hängt sich aber tatsächlich an ein riesiges Sägeblatt, um damit den Kreuzer, indem sich Goal befindet, zu erreichen. Dabei benutzt er einen viel zu umständlichen Kettenreaktionsmechanismus, bei dem aus Versehen der Doc unter eine Guillotine gerät.
Rufus zeigt sich wieder von seiner besten Seite - frei nach dem Motto: Wieso einfach, wenn es auch kompliziert geht!? Wir standen beim Spielen von Chaos auf Deponia oft vor der Frage, ob es für den Planeten nicht ein gnadenvollerer Untergang wäre, wenn der militärische Beamtenapparat von Elysium, der Organon, einfach eine Sprengung durchführen würde. Mit Rufus auf Deponia fliegt der Planet zweifelsohne sowieso irgendwann in die Luft, aber man darf Rufus trotzdem nicht ganz so hart rannehmen. Er hat wirklich dazugelernt. Seine Handlung wird nicht mehr von dem egoistischen Trieb, Deponia verlassen zu wollen, motiviert: Was für ihn nun zählt, das ist die Rettung von Goal und Deponia. Dass man in einer Läuterung nicht sofort alle schlechten Charakter-Eigenschaften ablegt, ist doch ganz normal - oder?
Man kann Chaos auf Deponia daher als Entwicklung eines eher schlechten hin zu einem besseren Menschen betrachten, frei nach den alten Helden-Sagen. Allein der Aufbau spricht für ein klassisches Helden-Epos: Das Spiel ist in drei Akte aufgeteilt, die Handlung wird jedes Mal von einem Chor-Gesang eingeführt. Jan Müller-Michaelis aka Poki, der kreative Kopf hinter vielen Daedalic-Entwicklungen und ebenso den Deponia-Spielen, singt übrigens wieder den ersten Gesang. Strukturell hält sich Chaos auf Deponia an die klassische Dramenform, die einst Aristoteles aufgestellt hat. Auf den Prolog folgen die drei Akte, die hier jeweils zwischen den Chor-Gesängen liegen und nach dem Epilog gibt es noch einen Abgesang des Chors.
Im ersten Teil rettet Rufus die schöne Goal und im zweiten Teil muss er ihr Herz erobern. Goal selbst verhält sich dabei eher passiv, im ersten Teil ist sie vorwiegend bewusstlos, im zweiten Teil wird ihr Bewusstsein hingegen in drei Teile gespalten. Es liegt also ganz allein an Rufus, sich als Held zu beweisen.
I got 99 Problems
Der erste Teil spielte im kleinen Dorf Kuvaq, in Chaos auf Deponia befinden wir uns hingegen auf dem schwimmenden Schwarzmarkt. Eine Ansammlung von niederen Gestalten bekommt man hier serviert und das inmitten des rostroten Meeres. Dort herrschen brutale Frauen, Widerstandskämpfer und das unorganisierte Verbrechen. Ein guter Ort also, um sich gleich drei Frauen klar zu machen. Denn das ist lange, lange das eigentliche Ziel des Spiels. Beim Versuch, Goals Gedächtnis mit der Backup-Datasette wiederherzustellen, wurde ihr Bewusstsein in drei Teile gespalten. Der Doc kann diesen Fehler nur beheben, wenn alle drei Goal-Charaktere damit einverstanden sind, sich wieder zu vereinen. Diese Überzeugungsarbeit ist ein ganz klarer Fall für Rufus, dem alten Charmeur. Praktischerweise hat der Doc hierzu eine Fernbedienung entwickelt, mit der man zwischen den Goal-Typen hin- und her-switchen kann.
Das klingt schon ziemlich sexistisch. Nimmt man dann noch das Faktum hinzu, dass sich Goals Bewusstsein in Lady-Goal, Baby-Goal und Krawall-Goal geteilt hat, wird das Macho-Bild einer Frau komplett. Aber wie bereits erwähnt, handelt es sich um ein Point & Click-Adventure und daher sollte man nicht alles bierernst nehmen und feine Fühler für Ironie, Sarkasmus und Situationskomik besitzen. An die Frauen deshalb der Hinweis: So liebenswert Rufus als ignoranter, selbstbezogener Egomane und trotteliger Trottel mit einer Prise Selbsterkenntnis auch erscheinen mag, er steht trotzdem nicht gerade als Repräsentant für die gesamte Männerschaft.
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